24. Dezember 2013

Lichter der Stadt


(Aus dem Romanprojekt Keine Sterne über Frankfurt von Maria Jerchel)

Wenn zu fortgeschrittener Stunde Gloria Gaynor gespielt wurde, war das immer ein trauriger Moment. Wer zu diesem Lied tanzte, vielleicht auch noch mit geschlossenen Augen, dem – oder seien wir ehrlich, dachte Leonard, der haftete immer etwas trauriges, ja sogar etwas erbärmliches an.
Ben stellte sich neben ihn und rührte in seinem Glas.

„Na, Leo,“ schnarrte er durch den Lärm, „Ist wieder Resteficken?“
Ben Teuschner war manchmal furchtbar direkt. Und häufig traf er damit ins Schwarze. Hier jedoch nicht. Es ging nicht um das leichte Opfer, die schnelle Beute. Dann bräuchte Leonard hier nicht auszuharren, sondern könnte innerhalb einer halben Flasche Weißwein wieder gehen. Mit der Beute des Abends am Arm.
Auf diese Art bekam man sportlichen Sex, der sich nur wenig von einem Tennismatch unterschied. Doch Leonard liebte die Traurigkeit, die eine Frau umgab, die in Jil Sander zu I will survive tanzte. Es verlieh ihr Tragik. Das war ein seltener Moment in dieser pragmatischen Handelsstadt, in der jedes große Gefühl zur Pose, jede ehrliche Empfindung zur Banalität neigte. Und Gloria Gaynor offenbarte, welche Frau in dieser Nacht etwas fühlen wollte. Und sei es nur, dass sie noch ein schlagendes Herz besaß.
Leonard ließ seinen Blick über die Gruppe schweifen, Elementarteilchen im losen Rund um ein leeres Zentrum wogend. Heute waren nur drei dabei, die überhaupt in Frage kamen.
Eine große schlanke Frau im grünen Etuikleid warf trotzig die Arme nach oben. Attraktiv, entschlossen und frisch getrennt. Er kannte diesen Zug von Zorn und Trotz. Keine Frau der Welt konnte sich vom Schmerz des frisch Verlassenseins emanzipieren, sie konnte ihn nur schlucken bis zum späten Abend, wenn alles im schwarzbunten Licht egal wurde und dann herausschreien.
„Wie wär's mit der Großen?“ Ben zeigte ungeniert auf eine Blondine. Die umfasste grade gedankenschwer ihr dickes Haar im Nacken. Die Augen geschlossen, das pausbäckige Gesicht eine starre Maske voller Heimweh. Der Heidityp, das Kind der Berge in Frankfurt voller Sehnsucht nach daheim. Diese stünde normalerweise ganz oben auf Leonards Beuteliste, doch in diesem Moment fiel ihm eine andere auf:
Den Rücken grade durchgedrückt, wischte sie die Tränenspuren auf den Wangen nicht fort, auch schloss sie die Augen nicht, sondern starrte durch den Raum hindurch in die Lichter der Stadt. Ein schlankes Persönchen im dunklen Rock und auf halbhohen Schuhen, die sich mehr wiegte als dass sie tanzte. Und als ihre Augen über ihn hinwegglitten, erkannte er sie: Diese Frau hatte er vor ein paar Tagen schon gesehen. Sie war gegen den Wind die Neue Mainzer hinaufgelaufen, ihm entgegen. Und sie hatte geweint. Laut und haltlos und völlig offen in einer Stadt, in der eine Träne in der Öffentlichkeit wie ein Tropfen Blut im Haifischbecken wirkt. Bei ihr aber hatte es Größe. Fast konnte er ihr wehes Herz bis zu sich schlagen hören...
Lichter der Stadt 2

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