24. Dezember 2014

Die papierne Rebublik

(Aus dem unveröffentlichten Roman Griebnitzsee von Maria Jerchel)
Die Lackschichten legen sich dick um die Heizkörper, bilden Nasen und vergilben, wachsen weiter. Cecilie kann sich nicht entscheiden, neue elektrische einzubauen. Ihr ist deren grünbraune Farbe zuwider. Im Winter lauscht sie auf das Rauschen und Tropfen im Haus, aber es ist warm. Sie stellt Schalen unter die leckenden Ventile.
Sie weiß, dass sie beobachtet wird, sie schickt Berichte über Ihre Assistenten, Volontäre, Mieter, die in irgendwelchen Aktenschränken verschwinden. Papierne Republik.
Sie hat eine Schwester im Süden, die ihr liebevoll gepackte Päckchen schickt. Kaffee, Pralinen, kleine Schachteln mit Fotos. Ihre Nichten und Neffen, Großnichten und Großneffen. Und von Zeit zu Zeit kommt Carolin nach Babelsberg und sie gehen spazieren in den Parks und sitzen auf der Terrasse. Die Bäume im Garten sind so hoch und verdecken fast den Blick auf den jenseitigen Volkspark Glienicke. Sattes Rauschen im Sommer, im Winter kann sie das Schlößchen sehen. Seit Jahrzehnten war sie
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nicht dort, jenseits des Sees. Eis, das sie fast zu Fuß überqueren könnte. Zartes Knospengespinnst und wieder Sommer. Dort, drüben, wohnt irgendwo Frederik. In Grunewald hat er sein Haus. Sie war seit Jahren nicht dort. Auch zu seiner Beerdigung nicht. Sie kommt nicht mehr über die Mauer. Die Arme sind kraftlos geworden von den tausendseitigen Protokollen ratternd in die Maschine geschickt.
Jetzt wirkt und waltet Gunther im Werk. Wie fremd ihr „Turnow Spezialmetalle“ geworden ist. Wie viel Jahre, seit sie ihrer Mutter ihre Papiere daran verkaufte. Wie viel Jahre, dass sie Mama Buschrosen nach Hamburg gebracht hat. Wie viel Jahre, dass sie dort nun schon unter der Erde liegen, Mama und Onkel Willem.
Und die Jahre rennen unter ihr hin und sie sieht den Garten wuchern und das Haus verwittern und den Weg den Garten vom Wasser trennen und sie sitzt zwischen all den Papieren und Akten und in  ihnen  und  auf ihnen und  das
Land verschwindet hinter Bergen aus Papier und die Menschen überwuchern Akten.
So hatte sie es nicht gedacht. Sie hatte sich gefreut in ein Deutschland heim zu kehren, das ihr wieder Heimat sein würde und dann sich gefunden hinter Bergen von Akten und Anträgen, taub und tausendäugig. Unabänderlich wachsend. Cecilie zieht den Kopf ein. Sie hat keine Kraft mehr noch einmal auszubrechen, duckt sich weg unter den Aktenbergen. Sie tippt Berichte, nichtssagende Kaffeetassendialoge rattern in die Maschine, Allerweltsaussagen über die Menschen, die sie kennt.
Ihr Bruder hielt sie für eine Rote. Bei der DEFA musste sie einfach eine Rote sein. Doch der allenfalls blasse Lack blättert ab. Ausgeblichen der Traum von einem besseren, gerechteren Deutschland. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Farbe springt ab und sie fühlt sich nackt und bloß.

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