Was ist Solargrafie?

Bei der sogenannten Solargrafie wird ein Foto nach dem Prinzip der Lochkamera aufgenommen. Eine Lochkamera ist die simpelste Form eines fotografischen Apparates. Sie ist eigentlich nur ein lichtdichtes Gehäuse mit einem kleinen Loch als Objektiv und lichtintensivem Material (Fotopapier oder Film) als Trägermedium für die Belichtung.

Anders als bei üblicher Lochkamera-Fotografie werden bei der Solargrafie extrem lange Belichtungszeiten von Wochen, Monaten oder gar Jahren gewählt. Die Kamera wird draußen, am Ort der Belichtung, fest installiert. Aufgrund der langen Belichtungszeit werden die täglichen Bahnen der Sonne entlang des Himmels als helle Linien sichtbar – daher der Name „Solargrafie“.

Eine Idee wird geboren

Die Ursprünge dieser Technik liegen Internetquellen zufolge in den 1970er Jahren. Die Fotografen Sławomir Decyk, Paweł Kula und Diego López Calvín griffen sie um das Jahr 2000 für ihr Projekt „Solaris“ auf und gaben ihr den eingängigen Namen „Solargrafie“. Für jenes Projekt hat eine Gruppe spanischer und polnischer Fotografen die Sonnenbahnen an verschiedenen Orten der Erde aufgezeichnet, von Nordeuropa bis zum Äquator. Die finnische Fotografin und Kunstpädagogin Tarja Trygg startete anlässlich ihrer Doktorarbeit zu diesem Thema ein viel beachtetes, weltweites Solargrafie-Projekt. Dank des Internets, insbesondere der Fotoplattform Flickr, ist die Solargrafie zeitweise sehr populär geworden.
Flickr-Gruppe
Flickr-Gruppe "Solargraphy"

Chemie? Nein danke

Belichtet wird handelsübliches Schwarzweiß-Fotopapier, wie man es im Fotolabor (Dunkelkammer) verwendet. Anders als bei der herkömmlichen Dunkelkammer ist eine chemische Entwicklung und Fixierung des belichteten Motivs auf dem Papier jedoch nicht notwendig. Es wäre sogar kontraproduktiv, weil dies zu einem Verlust an Details und Kontrasten führt. Nein, bei der Solagrafie mit ihren extrem langen Belichtungszeiten erscheint das Motiv auch ohne chemische Einflüsse auf dem Fotopapier – es „brennt“ sich sozusagen direkt in das Papier ein. Vor allem die Bahnen der hellen Sonne sind deutlich sichtbar.

Um das Bild zu fixieren, wird das belichtete Fotopapier einfach abgescannt oder abfotografiert. Unbedingt erforderlich ist eine nachträgliche Bearbeitung in Photoshop oder einer anderen Bildbearbeitungssoftware: Das Foto (es ist ja ein Negativ!) muss invertiert und gespiegelt werden. Zudem ist eine Optimierung von Kontrast und Schärfe notwendig. Weitere Bearbeitungsschritte können, je nach künstlerischem Anspruch, folgen.
Solargrafie vor der Bearbeitung
Solargrafie nach der Bearbeitung
Um eine vollständige Ekliptik der Sonne aufs Fotopapier zu bannen, ist eine 6-monatige Belichtungszeit erforderlich: vom höchsten Stand der Sonne am 21. Juni (Sommersonnenwende) bis zum tiefsten Stand am 21. Dezember (Wintersonnenwende). Ein solches Vorhaben gelingt aber nur selten, und natürlich liefern auch andere Zeiträume schöne Ergebnisse.
Sonnenbahn im Jahresverlauf
Sonnenbahn im Jahresverlauf

Fortuna spielt mit

Ein Charakteristikum der Solargrafie ist die Unvorhersehbarkeit der Ergebnisse. Das Aussehen des belichteten Motivs lässt sich ebenso wenig vorab einschätzen wie die Erfolgsquote insgesamt. Besonders Schlechtwetterperioden und Wolkentage sorgen für Lücken in den Sonnenbahnen; die Linien sind unterbrochen oder „fehlen“ eine Zeitlang ganz.

Doch während solche natürlichen Einflussfaktoren zu verschmerzen sind bzw., im Gegenteil, erst den eigentlichen Reiz der Aufnahme ausmachen, liegt die größte Gefahr in neugierigen Mitmenschen, in der Stadtreinigung und auch in den tierischen Mitbewohnern unserer Städte. Auch kleine Lochkameras ziehen im öffentlichen Raum schnell die Aufmerksamkeit auf sich, vor allem an exponierten und stark frequentierten Orten. Im Ergebnis verschwinden viele Kameras vor Ende der geplanten Belichtungsperiode. Eine Verlustquote ist also fest einzukalkulieren, sie kann schon mal bei über 50% liegen. Mit etwas Glück im Unglück findet man manche Kamera noch in der Nähe ihres Ursprungsortes auf dem Boden liegend, und das Belichtungsergebnis ist noch zu retten. Regelmäßige Kontrollgänge sind daher ratsam.
fehlgeschlagene Solargrafie
fehlgeschlagene Solargrafie
Es ist eine extreme Herausforderung, geeignete Orte zum Befestigen der Kameras zu finden. Kreativität beim Verstecken und Tarnen ist gefragt, wird aber mitunter belohnt: Tatsächlich überleben immer wieder Kameras, auch an belebten Orten!

Bei der Solargrafie ist – alles in allem – eine gehörige Portion Glück vonnöten. Und Gelassenheit, damit das Projekt nicht in Frustration endet. Wer mit beidem gesegnet ist, wird mit außergewöhnlichen, faszinierenden Aufnahmen belohnt, die mit Sicherheit aus dem fotografischen Einerlei herausstechen.

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